Der Hinterhalt

„Was ist denn das für ein schäbiger Schuppen?“, fragte ich. Der graue Putz der Fassade war großflächig abgebröckelt und gab den Blick frei auf ein morsches, fauliges Gestein darunter. Die Fenster hatte man mit dicken Spanplatten und Plastikfolie vernagelt, nur das schwach beleuchtete Schild mit der Aufschrift ‚Moby Dick‘ deutete darauf hin, dass sich im Erdgeschoss dieser Bruchbude ein Lokal befand. Und zwar eines, das auf mich nicht besonders einladend wirkte. Petuchow jedoch zuckte nur mit den Schultern, als ich ihn vorwurfsvoll anblickte.

„Ist das etwa ein bourgeoiser Dünkel, den Sie da an den Tag legen?“, lachte er. „Die flämische Arbeiterklasse weiß schon, ihre Freizeit sinnvoll zu gestalten, glauben Sie mir!“ Mit einem Seufzer ergriff ich die Türklinke, sie bewegte sich ausgesprochen schwer. Im Innern begrüßte uns eine Wand aus Tabakqualm, nur mit Mühe erkannte ich dahinter ein paar schattenhafte Figuren. Verwirrt wandte ich meinen Blick zu Petuchow, der mit einem schelmischen Lächeln hinzufügte: „Im Ernst: Erzählen Sie besser niemandem, in was für verwegene Etablissements ich sie hier führe, Genosse.“

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Am Tresen saßen ältere Männer mit gegerbten Gesichtern. Sie trugen verschmutzte Arbeitskleidung und starrten apathisch in die Nebelschwaden. Ich wusste nicht, wonach wir hier suchten, folgte daher Petuchow, der zügig an mir vorbeizog. Der Oberleutnant steuerte wissenden Schrittes auf einen Vorhang an der Wand zu, in dessen dunkelgrünem Filz der Qualm von Jahrhunderten zu stecken schien, so schwer und speckig war er. Dahinter verbarg sich eine Metalltür, an die Petuchow dreimal klopfte. Nichts regte sich. Ich schaute mich nervös um. Es kam mir vor wie eine Ewigkeit.

Mein Begleiter hielt den Blick auf die Tür gerichtet, als versuchte er, sie durch die bloße Kraft seines Willens zum Öffnen zu zwingen. Da sperrte ein bärbeißiger Lulatsch auf, sicher über zwei Meter groß und so breit wie wir beide zusammen, das Gesicht von zahlreichen Narben verziert, eine Walther PPK am Gürtel über dem Mantel. Zu meinem Erstaunen genügte ein kurzes, tonloses Nicken von Petuchow, schon räumte der Wachmann den Weg für uns. Wir überquerten einen kleinen, verschneiten Innenhof. Das Mondlicht fiel auf Mülltonnen, die überquollen vor stinkendem Unrat.

Auf der gegenüberliegenden Seite wurden wir von einem moderigen Gang verschluckt, der mehrmals um die Ecke bog. Ich versuchte, mir Details zu merken, um im Notfall wieder nach draußen zu finden, vergaß sie aber gleich wieder. Mein Herz schlug jetzt schneller. Ein tiefes Brummen und Dröhnen drang an meine gespitzten Ohren, erst nach einer Weile erkannte ich in diesem Geräuschteppich so etwas wie Musik. Männer in langen Filzmänteln versperrten eine weitere Tür, doch auch sie ließen uns passieren, nachdem Petuchow ihnen geheimnisvoll zugenickt hatte.

„Ich kenne den Besitzer des Lokals“, sagte er, als wäre es eine vernünftige Erklärung für all das. „Bereit, Genosse Oberleutnant?“ – „Selbstverständlich“, presste ich halblaut hervor. Er lächelte nun nicht mehr spitzbübisch wie vorhin, sondern geradezu teuflisch und riss die Tür auf. Hitze schlug uns entgegen. Grelles Licht, unzählige Lampen, sie strahlten durcheinander, abwechselnd, einem irren Muster folgend, manche von ihnen drehten sich. Die Musik entpuppte sich als schriller, elektronisch verstärkter Jazz in ohrenbetäubender Lautstärke.

Eine blonde, stark geschminkte Frau bat um unsere Karten. Petuchow flüsterte etwas in ihr Ohr, was sie zum Lachen brachte. Ich zögerte, doch er griff meinen Arm und zog mich mit sich. Wir drängten eine steile Treppe hinunter, vorbei an unzähligen jungen Damen in knappen Kleidern, die laut miteinander schwatzten. Ein Mann im eleganten Gesellschaftsanzug kam uns entgegen, eine Champagnerflasche in der Hand. Der Kerl trug tatsächlich einen zweireihigen Smoking mit Schalkragen, ein blütenweißes Baumwollhemd und dazu eine passende schwarze Fliege.

„Was wird hier gefeiert?“, fragte ich.
„Waaas?“
Ich wiederholte mich schreiend.
„Sie feiern das Ende…“, rief Petuchow, „…das Ende der Welt.“ Er lachte auf, die Zähne zeigend, und eilte schnellen Schrittes voran in einen Saal.

Es musste sich um ein ehemaliges Theater handeln. An den hohen Decken hingen noch Reste von elegant verschnörkeltem Stuck. In der Mitte war ein vergoldeter Kronleuchter mit langen, geschwungenen Armen platziert. In seiner glänzenden Oberfläche blitzen unzählige bunte Reflexionen auf. Eine verschneite Berglandschaft begrüßte mich, Paris mit Eifelturm und eine Oase im heißen Wüstensand. Man hatte alte Bühnenmalereien an die Wände genagelt, dazwischen waren Spiegel angebracht. Das Licht tauchte alles abwechselnd in grelles pink, blau oder grün.

Es war eng und stickig, überall tanzten schwitzende Menschen, von denen ich nur Konturen erkannte und groteske Grimassen, angestrahlt von Lichteffekten. Mal war es mir, als würde ich ein bekanntes Gesicht erkennen, doch dann stellte es sich sofort wieder als Täuschung heraus. Dicht an dicht drängten sich die Körper und bewegten sich zu einer Musik, deren Rhythmus auch auf mich mitreißend wirkte. Wir umrundeten eine Säule und gelangten in einen noch größeren Saal mit einer Bühne, vor der ein paar uniformierte Milizionäre tanzten, die Pistolen im Holster.

Ständig wurde ich angestoßen. Ich hielt die Arme vor den Oberkörper, im Versuch mich zu schützen, wich den umherfliegenden Gliedmaßen aus, wehrte sie ab, so gut es ging. Die letzten Unterschiede verschwammen. Alle sahen gleich aus. Die Bewegung der Glieder bestimmte den Raum. Das Hämmern des Rhythmus vereinte die Menschen zu einem höheren Ganzen. Jedes Herz schlug im Takt der Musik, geeinigt war das Kollektiv durch die unwiderstehliche, unmittelbare Gewalt dieser gemeinsamen Sinneserfahrung. Und ich war beinahe ein Teil davon.

Mein Blick blieb an einem Jüngling haften. Seine Gesichtszüge waren zart, das Haar lockig, die Bewegungen sanft und verspielt. Er schien vollkommen unbeschwert, tanzte dabei aber nach einem anderen Schritt als die Menschen um ihn, so als wäre er ganz und gar zufrieden mit sich selbst. Ich spürte eine spontane Abneigung gegen diesen Tänzer und seine offensichtliche Selbstsüchtigkeit. Er zerstörte das ganze Bild! Am liebsten hätte ich ihn auf der Stelle verhaftet, und dachte sogar schon über einen Vorwand dafür nach, als Petuchow mich weiter zog.

„Da sind ein paar von unseren Leuten“, rief Petuchow und winkte einer Gruppe Sowjetsoldaten, die an einem Tisch saßen und Karten spielten. „Kommen Sie, Dimitri Dimitrijewitsch, wir zocken eine Runde.“
„Sind Sie denn verrückt?“, entgegnete ich entsetzt und blieb augenblicklich stehen. „Sie können doch nicht mit den Mannschaften spielen! Womöglich sogar um Geld…“
„Warum nicht?“, fragte er mit einer Naivität, die so gar nicht zu ihm passte.
„Das ist verboten. Und Sie sind Offizier, Mann!“
„Meine Güte, ein kleines Spiel mit den Leuten…“

Ich fand meine Fassung wieder und zog Petuchow an mich, schaute ihm scharf in die Augen und fragte: „Und was ist, wenn sie verlieren? Was tun Sie dann?“ Er kniff die Augen zusammen und murrte, aber er begriff.

„Mit Verlaub, Genosse Grigorjew. Ich glaube, Sie sehen das alles viel zu verbissen. Der Bürodienst tut Ihnen wohl gar nicht gut. Werden Sie jetzt auch einer dieser verknöcherten Schreibtischoffiziere, die nie ein Auge zudrücken? Ich denke, man muss auch mal eine Ausnahme machen können. Sonst wirkt man ganz schnell überheblich gegenüber den Leuten, es könnte sogar der Eindruck der Lächerlichkeit entstehen.“ Ich schüttelte erbost den Kopf. „Naja. Trinken Sie Schnaps, Genosse Politkommissar?“, lenkte er ab. – „Gern doch.“

„Sie servieren einen ausgezeichneten Absinth hier, probieren Sie den einmal.“ Wir setzten uns an den Tresen und Petuchow kam noch einmal auf das Thema zu sprechen. Ich wusste nicht, ob er mich provozieren oder belehren wollte. „Manche glauben vielleicht, dass Ihnen etwas fehlen würde. Als gäbe es da eine geheime Regel, die sie noch nicht kennen. Und bis sie herausgefunden haben, wie die lautet, halten sie jede einzelne Vorschrift im Handbuch peinlichst genau ein. Aber kommt wahre Autorität nicht eher durch eine etwas, nun ja, menschliche Herangehensweise zum Ausdruck?“

„Da bin ich aber überhaupt nicht ihrer Ansicht. Wenn wir erst einmal anfangen, die Grenzen zu verwischen zwischen richtig und falsch, dann…“

„Aber sie nehmen noch einen, oder?“, unterbrach er mich. Sein Blick wirkte plötzlich etwas sonderbar, ein wenig gereizt. Aber schon lächelte Petuchow wieder. Hatte ich mir das jetzt eingebildet? „Ja. Sehr gern.“ Ich überlegte, schaute mich nervös um, der Bass wummerte, eine Akrobatin räkelte sich auf einem Trapez, das von der Decke hing. Zwei einander gegenüberliegende Spiegel projizierten ihre Reflexion bis in die Unendlichkeit. Ich hatte den Faden verloren und fand ihn nicht wieder. Wir tranken ein weiteres Glas. „Der Nächste geht auf mich.“

„Wir müssen bei allem doch eine gewisse Distanz zu der Rolle aufrechterhalten, die wir tagtäglich spielen“, sagte er nun und legte die Stirn in theatralischer Weise in Falten, ganz als wäre er ein weiser, alter Mann. Dabei lächelte er wieder keck, beides passte überhaupt nicht zueinander. „Gelassenheit ist eine Tugend. Man muss sich bewusst sein, dass man nicht ganz identisch ist mit Uniform und Dienstgrad, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut. Kommt es denn nicht auch auf die Solidarität an und den Gemeinschaftssinn?“

„Ich möchte gar nicht auf Distanz zu meiner eigenen Rolle gehen“, erwiderte ich konsterniert und bestellte den Schnaps. „Die Rolle ist doch alles, was wir haben.“ – „Wie bitte? Glauben Sie etwa, Sie wären nur ein Kleiderständer für ihre Uniform? Auf die Gesundheit!“ – „Auf Ihr Wohl.“ Das Zeug schmeckte ausgezeichnet. „Ich meine das absolut ernst. Die Uniform ist der einzig edle Teil an einem Menschen. Sie gibt ihm eine Funktion, ordnet ihn ein in das große Ganze, bestimmt seinen Platz in der Gesellschaft und auch in der Geschichte.“ – „Aber…“

Ich wies Petuchow per Handzeichen an, dass er mich in meiner Rede nicht unterbrechen sollte, und bedeutete dem Kellner, noch einmal einzugießen.

„Ein Mensch kann doch überall gemacht werden, es genügt ein wenig Leichtsinn und Unachtsamkeit zwischen zwei Menschen oder auch Gewalt. Eine Uniform entsteht nicht aus solch sinnlosen Zufällen. Von Anfang an hat sie einen Zweck. Es gibt einen konkreten Auftrag zu ihrer Fertigung, ein amtliches Dokument. Vom ersten Tag ihrer Existenz folgt sie einer klar definierten Bestimmung. Deshalb wird sie auch überall anerkannt, von Freund wie Feind mit Respekt behandelt. Das kann man vom Menschen nicht behaupten, der letztlich nur ein zufällig angeordneter Zellhaufen ist.“

„Na, da haben Sie vielleicht Recht.“ Er legte den Kopf schräg und hob die Augenbrauen für einige Millimeter an. „Aber es stimmt auch, was die Leute über sie sagen…“
„Ach. Was sagen die denn?“, blaffte ich und versuchte so zu tun, als interessierte es mich nicht. Dabei hoffte ich, dass das Urteil nicht allzu vernichtend ausfallen würde. Meine Beine zitterten jetzt ein wenig, ich konnte nichts dagegen tun. Es lag wohl am Alkohol.
„Dass Sie kalt sind. Kalt wie ein Fisch. Und überhaupt keinen Spaß verstehen. Auf Ihr Wohl.“

Wir tranken und mir wurde übel. Ich entschuldigte mich, um nach einer Toilette zu suchen und schob mich leicht schwankend durch die dicht gedrängten Menschenmassen. Das Orchester spielte einen schnellen Cancan und auf der Bühne warfen die Tänzerinnen ihre langen Beine in die Luft. Ich musste stehenbleiben und sie betrachten. Die Professionalität faszinierte mich. Knie hoch, Knie runter. Gleichschritt der nackten Beine. Biegen, Strecken. Biegen, Strecken. Eine Darbietung von beeindruckender Perfektion!

Die Mädchen waren frei von jeder individuellen Schwäche, geeint in der absoluten Synchronisation, wie die perfekt ineinander greifenden Teile einer einzigen Maschine. Ihr Paradeschritt kannte keine Unsicherheit. Das Kollektiv übertraf sich selbst mit einer überwältigenden Darstellung seiner Schlagkraft. Die Hacken donnerten auf den Boden, vor dem sie keinen Respekt zu haben brauchten. Sie hämmerten sich in mein Gehirn. Gnadenlos stampften sie alles nieder, was Widerstand hätte leisten können. Überwältigt taumelnd wich ich zurück, stieß mit dem Rücken gegen eine Wand.

Auf der Suche nach den Toiletten schob ich einen Vorhang aus Holzperlen zur Seite und stolperte in ein dunkles Hinterzimmer. Mein Stiefel traf auf etwas Weiches und ich zog ihn erschrocken zurück. Um mich zu beruhigen, versuchte ich, tief zu atmen. Doch es stank so sehr nach abgestandenem Bier und kaltem Rauch, dass ich husten musste. Langsam gewöhnten sich meine Augen an die Finsternis, vom Saal her grollten dumpfe Basstöne, die nun klangen, als kämen sie aus weiter Ferne. Ich erkannte reglose Menschen überall um mich, auf dem Boden, übereinander, achtlos hingeworfen.

Ob ich auf ein Bein oder einen Arm getreten war, wusste ich nicht. Es mochten bestimmt zwei Dutzend Körper sein, vielleicht auch mehr, die hier verteilt lagen. Ein lautes Schnarchen von weiter hinten beruhigte mich, irgendwo hustete jemand. Sie waren zumindest nicht tot. Vorsichtig setzte ich meinen Fuß zwischen die Glieder, die zum Teil ineinander verschränkt waren, stieg über sie hinweg. Neben mir bewegte sich etwas. Ich erkannte einen Typen der, versunken ins Delirium, seinen Unterleib rhythmisch an einem anderen Menschen rieb. Es war abstoßend.

Ich fand eine Tür und schob mich leise hindurch. Im Raum dahinter stach mir ein grelles, blaues Licht in die Augen. Die Tür schloss sich von selbst und mit einem Mal umgab mich Stille. Es war kalt, ich stand inmitten eines weißen Nebels, der sich nur langsam, sehr langsam zu lichten schien, mir höflich Platz machte. Auf einem Metalltisch in der Mitte lag ein großer Haufen roten Fleisches. Geschnitten, zum Teil aber auch gehackt. Jemand hatte begonnen, es zuzubereiten, aber plötzlich damit aufgehört, ohne seinen Arbeitsplatz aufzuräumen.

Ich wollte zuerst wieder umkehren, hier zwischen den Töpfen und Pfannen waren ja offensichtlich keine Toiletten zu finden. Doch auch wenn ich nicht wusste warum, und obwohl es keinen vernünftigen Grund dafür gab, musste ich doch weitergehen. Also tastete ich mich vorsichtig an der Wand entlang, fand eine weitere Tür und ließ mich hindurchgleiten. Der Raum dahinter war düster, nur ein schwaches rotes Leuchten ließ seine Grundzüge erahnen. Hier war es warm und stickig. Das Atmen fiel mir schwer.

Da erblickte ich sie direkt vor mir. Nur schemenhaft erkannte ich die Silhouette ihres Körpers, aber ich wusste, dass nur sie es sein konnte. Alicija hatte mich erwartet. Ausgerechnet hier. Ihr Blick traf den meinen. Ich trat näher und sah mich selbst in ihrem Auge, mein Spiegelbild in ihrer Pupille. Doch mit einem Mal spürte ich eine vollkommene Fremdheit an ihr. Das war nicht sie, ich erkannte nur Dunkelheit und sinnlose Leere in diesen Augäpfeln. Wer war diese Frau? Ich wusste nichts von ihr, sie hingegen schien mich mit ihrem Blick zu durchdringen bis in den letzten, schmutzigen Winkel.

Das Ganze war eine Falle, ein Hinterhalt, jetzt begriff ich es. Ich musste sofort hier raus. Stürzend und stolpernd einen Fuß vor den anderen setzend, fand ich endlich eine Tür. Das Gehen ist eine Form des Fallens. Die Positionsveränderung erfolgt, weil der Fall auf der temporär bodenkontaktfreien Seite durch den Schritt gefangen wird. Ein Automatismus, gesteuert vom zentralen Nervensystem ohne Zutun des Geistes. Wir glauben kontrolliert zu gehen, aber eigentlich fallen wir die ganze Zeit, fallen durch unser ganzes Leben, bis zu dem Tag, an dem wir uns nicht mehr abfangen können.

Die Tür führte auf den Hof. Endlich frische Luft! Gierig füllte ich meine Lungen. Mein Gesicht glühte, das Herz schlug wild, der Schweiß wurde von meinem Hemd aufgesogen, warm und stinkend. Alles drehte sich, Kotze schoss mir in den Gaumen. Ich taumelte seitwärts, stützte mich ungelenk gegen einen Baum und erbrach eine ätzende Flüssigkeit in den Schnee. Durchatmen. An den Zweigen hingen kleine Eiszapfen. Leichter Wind ging hindurch, traf am heftigsten die äußeren, die nicht so gut geschützt waren, und bewegte sie hin und her. Doch die Zapfen blieben hängen.

„Ey, du Schwein, was machst du da hinten?“, brüllte jemand. Ich wischte mir die Kotze aus dem Gesicht, richtete mich auf, streckte die Brust raus und drehte mich um. Der Wachmann überlegte kurz, dann erkannte er mich wieder. Ihm fiel wohl Petuchow ein. Jetzt schaute er ängstlich auf meine Uniform. „Oh… Ich bitte um Entschuldigung, Herr Offizier.“ – „Schon in Ordnung.“ Ich nickte und verließ das ‚Moby Dick‘, ohne mich von Petuchow zu verabschieden. Auf der Straße begannen meine Knie zu schlottern. Ich ging los und bemerkte erst Stunden später, dass ich mich verlaufen hatte.

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Der Tunnel

Ich begegnete Alicija, kurz bevor Polen vor die Hunde ging. Zu dieser Zeit versah ich meinen Dienst in der Schreibstube des Weißen Hauses in Warschau. Eine recht eintönige Arbeit, meistens kopierte ich einen Bericht nach dem anderen mit Schreibmaschine und Blaupapier. Ein ständiges Thema in den Dokumenten waren die unkontrollierten Flüchtlingsströme, die vor allem aus dem Kaukasus in die Region kamen. Bei der einheimischen Bevölkerung sorgten die Fremden für Unruhe. Immer wieder kam es zu kleineren Gewaltausbrüchen zwischen den Volksgruppen.

Beinahe jeden Abend legte ich meinen zivilen Anzug an und schlenderte die ausgebombte Straße Nowy Świat hinauf, vorbei an den krallenartigen Ruinen, die der große Brand von der Heilig-Kreuz-Kirche gelassen hatte. Mein Weg führte mich in die Altstadt, wo es zu dieser Zeit noch eine große Zahl illegaler Kellerkneipen gab. Eine selbst gebaute Musikanlage, aus der schräge, elektronische Jazz-Klänge krächzten, schummeriges Licht und viel Schnaps – mehr brauchte es nicht, um ein volles Haus und exzessive Feiern zu garantieren.

In einem dieser schäbigen Tanzlokale traf ich auf Alicja. Ihre tiefschwarzen Augen erschienen für einen kurzen, aufregenden Moment durch eine kleine Lücke im dichten Zigarettendunst, von dem der Tresen umgeben war. Ihre langen, dunklen Haare umrahmten sanft die hohen Wangenknochen. Schon war sie verschwunden. Auf der Tanzfläche erkannte ich sie weder, sie wirkte wie in Trance. Nach einer Weile ging sie einfach, ohne Begleitung. Es war mehr als ungewöhnlich für eine Frau, sich allein in einem solchen Schuppen voller halbseidener Gestalten herumzutreiben.

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In den nächsten Wochen hielt ich Ausschau nach ihr, durchkämmte die Bars im Versuch, sie irgendwo zu entdecken. Und plötzlich, eines Abends, stand sie neben mir, drehte den Kopf und vermied es, mir in die Augen zu schauen. Ich war endgültig verloren. Als ich sie ansprach, lächelte sie mit gespielter Schüchternheit. Es geschah wie von selbst. Eine Stunde später küssten wir uns in irgendeinem moderigen Gang, der überflutet war. Wir standen bis zu den Knöcheln im Brackwasser, aber das kümmerte uns nicht. Ich erwachte am nächsten Morgen in ihrer winzigen Wohnung.

Die schweißnasse Matratze lag auf dem Boden, um sie herum waren zahllose Fotografien verteilt. „Ich liebe Fotos, vor allem Portraits“, sagte sie. „Man kann sie endlos lange anschauen und weiß doch nie, was die Person darauf dachte, genau in dem Moment, als der Auslöser gedrückt wurde.“

„Ich auch. Nur alte Fotos von mir selbst bedrücken mich“, erwiderte ich. „Auf ihnen sehe ich nur enttäuschte Wünsche und Träume, die nicht wahr wurden. Es ist ein wenig deprimierend.“ Über diese Worte wunderte ich mich selbst, darüber hatte ich eigentlich noch nie bewusst nachgedacht.

„Das Leben ist leider meistens anders, als man es sich vorstellt“, sagte sie mit einem leichten Seufzer und drehte sich auf die andere Seite. „Das ist nicht gut. Es sollte alles immer so kommen, wie man es sich vorher überlegt hat. Dann gäbe es auch keine Probleme.“

Sie stand auf und warf sich mein zerknittertes Hemd über. Mit den Augen folgte ich ihren nackten Beinen auf dem Weg zu einem kleinen Metallofen in der Ecke. Sie kochte Kaffee, dessen Duft schon bald den gesamten Raum einnahm. Farbe bröckelte von den Wänden. Das Gebälk knarrte, als wollte das Dach über uns einstürzen, durch das einzige Fenster drang etwas Licht hinein. Dahinter erkannte ich die Schlote der letzten Industrieanlagen. Aus ihnen stiegen grünliche Rauchschwaden in den Himmel auf, von wo sie schon bald als saurer Regen auf den Boden zurückzukehren würden.

In den Straßen sammelten sich immer mehr Flüchtlinge aus dem Südosten, sie hatten bereits Zeltlager in den ehemaligen Parkanlagen errichtet, deren Bäume schon vor vielen Jahren gefällt worden waren. Die Geheimpolizei stufte diese provisorischen Wohnviertel als Sicherheitsrisiko ein. Die Experten gingen davon aus, dass eine beträchtliche Zahl der zumeist muslimischen Bewohner in Zentralasien gegen die Chinesen gekämpft hatte. Niemand wusste, wie viele radikale Mudschaheddin tatsächlich eingesickert waren, aber das Kalifat fand hier sicher viele potenzielle Kollaborateure.

Alicija zuckte häufig im Schlaf, so stark, dass ich davon wach wurde. Und dann rief sie im Traum immer wieder dieselben Namen. Ich habe nie gefragt, wer diese Menschen waren. Sie hätte es mir ohnehin nicht gesagt. Oft überlegte ich, woran sie dachte, wenn sie selbstvergessen aus dem Fenster oder an die Wand starrte. Aber vielleicht wollte ich es gar nicht wirklich wissen. Wir waren einander fremd, auch wenn wir viel Zeit miteinander verbrachten. Zwischen uns  blieb ein Korridor bestehen, der uns vor einander schützte, eine Art Grenzanlage.

Bestimmte Provokationen wurden zu Ritualen, denn die Gegenseite reagierte immer in gleicher Weise. Entdeckte einer eine Schwachstelle in der Grenzsicherung des Anderen, so wurde diese sofort gnadenlos ausgenutzt, und zwar solange, bis sie geschlossen war. Dann wurde aus dem erbitterten Kampf wieder ein berechenbares Ritual wachsamer Verbundenheit. Wenn wir miteinander schliefen, fanden wir uns danach von blauen Flecken und Kratzspuren übersäht wieder, hielten uns in den Armen und zitterten. Manchmal weinte sie plötzlich und zog mich noch fester an sich.

Die Sache mit Alicja war, dass sie niemandem vertraute. Ihre wirklichen Absichten verbarg sie hinter Geschichten, die sie sich nicht selten ganz einfach ausdachte. Im Grunde tischte sie ihrer Umwelt ständig Lügen auf. Die wenigsten begriffen das, sogar ihre Freunde bemerkten es häufig nicht. Manchmal wirkte sie so überzeugt von ihren Märchen, als würde sie selbst daran glauben. Und vielleicht tat sie das. Wenn wir allein waren, schwiegen wir uns meist an, keiner wollte oder konnte etwas sagen, also ließen wir es. In diesen Momenten kamen wir dem Glück womöglich am nächsten.

Letzten Endes wusste ich fast nichts über sie, außer dass sie vor Jahren ein Kind gehabt hatte, das gestorben war. Bei dieser Geschichte schien es sich um die Wahrheit zu handeln, obwohl sie zu dem Repertoire an Anekdoten gehörte, die sie benutzte, wenn sie jemanden innerlich berühren und so um den Finger wickeln wollte. Das glaubte ich zu wissen, auch wenn ich nicht wusste, warum. Ich entwickelte zahlreiche Theorien über Alicija. Manchmal fertigte ich kleine Skizzen an, um den Rätseln auf die Spur zu kommen, die sie mir und dem Rest der Welt aufgab.

Es kam immer häufiger vor, dass sie einfach verschwand. Wenn sie dann nach einigen Tagen oder Wochen wiederkam, trug sie demonstrativ ein neues Kleid oder wertvolle Ohrringe. Sie danach zu fragen, wer der andere Kerl war, wäre undenkbar gewesen. Ich schlief mit Frauen, die mir nichts bedeuteten, nur um ihr weh zu tun, und fühlte mich schlecht dabei. Wir sahen uns nur noch selten. Und wenn wir uns trafen, stritten wir. Einmal, da hatte ich bereits eine andere Freundin, sah ich sie auf der Straße mit einem polnischen Oberst. Es schmerzte.

Einige Tage darauf jedoch stand sie plötzlich vor der Tür meiner Dienststelle auf der Straße. Es war nicht zu übersehen, dass sie dort auf mich gewartet hatte. Sie tat jedoch so, als sei alles ein großer Zufall und ich spielte die Farce mit. Wir umarmten uns wie alte Freunde und machten einen gemeinsamen Spaziergang. Es war ein warmer Nachmittag im Spätherbst, und schon lagen wir wieder in ihrem Bett. Die Niederlage schmeckte bittersüß. Mehrmals wiederholte sich das in ähnlicher Form, und jedes Mal blieb ich danach ein wenig verzweifelter und einsamer zurück.

Mir war, als gäbe es einen Tunnel, der, vergessen von der Welt, tief unter der Erde verlief, unter der Stadt und all den Menschen hindurch, direkt von ihr zu mir. Seinen stabilen Betonwänden konnte selbst starker Beschuss keinen Schaden anhaben, die Eingänge lagen verborgen hinter unverständlichen Rätseln und Geheimcodes, verfasst in einer Sprache, die niemand verstand, auch wir nicht, vielleicht sogar am wenigsten von allen. Dort unten gab es kein Licht, nur Kälte und Moder und Nässe, aber es war ein schöner Ort, denn da traf ich sie.

Zu dem Zeitpunkt, an dem ich von Alicjas Tod in Kenntnis gesetzt wurde, hatte ich sie bereits seit mehreren Monaten nicht mehr getroffen. Ich las ihren Namen im Bericht über einen Terroranschlag, gleich neben dem eines Oberst Jankowski. Die Attentäter hatten das Paar vor einem Restaurant in der Marszałkowska-Straße erschossen, ebenso wie mehr als zwanzig andere zufällige Passanten. Wenigstens war Alicjas sofort gestorben und hatte sich nicht quälen müssen. Die Ambulanz war erst nach vier Stunden vor Ort gewesen.

Unsere Zeitungen bezeichneten den feigen Angriff später als ‚Warschauer Massaker‘. Ein Kommando aus fünf Mudschaheddin hatte wahllos Menschen niedergeschossen und dann versucht, ein Polizeirevier zu stürmen. Es war Zufall, dass Alicija ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt dort war. Angeblich richteten sich die Terroristen am Ende selbst, ihre Leichen wurden aber nicht gefunden. Am nächsten Tag schon suchten die Propagandaabteilungen händeringend nach Leuten. Ich ließ mich sofort versetzen und kam in eine Brigade, die Flugblätter und Zeitungen entwickelte.

Ein Mitarbeiter der Ideologie-Abteilung erläuterte uns die Sachlage. Es galt als gesichert, dass die Terroristen sich in einem der Flüchtlingslager aufgehalten und ihre Tat dort geplant hatten. Erstaunlich schnell bekamen wir die nötigen Ressourcen zur Verfügung gestellt. Die Partei nahm die Bedrohung Ernst, das fragile Gleichgewicht der Region stand auf dem Spiel. Wir arbeiteten grundsätzlich bis spät in die Nacht und die Vorgesetzten lobten den Eifer, mit dem ich die Sache anging. Es hieß, ich hätte ein gewisses Talent für solche Dinge.

Zuerst wurden Freiwillige mobilisiert. Fast alle Bauern und Arbeiter verfügten über militärische Kampferfahrung. Und die Versorgungslage war so schlecht, da brauchte man ihnen nicht mehr als regelmäßiges Essen und ein neues Paar Stiefel zu versprechen, schon fragten sie, wo sie sich anstellen sollten. Die eilig gebildeten Volksmilizen wurden von der regulären Armee bewaffnet. Weil die nicht so genau hinschaute, ergriffen auch kriminelle Elemente die Gelegenheit. Irgendein Komitee, von dem ich noch nie gehört hatte, schickte Polizeivollmachten per Kurier.

Als die Muslime versuchten, der Räumung ihrer Lager Widerstand entgegenzusetzen, wurde nicht lange gefackelt. Am Anfang wurden die Toten noch grob gezählt, ich ließ mir die Berichte unter der Hand geben. Aber irgendwann wusste niemand mehr so genau, wie viele es eigentlich waren und es schrieb auch keiner mehr Berichte. Sie wurden aus dem Land gejagt. Allerdings marodierten die Milizen und die Aktion uferte in Plünderungen aus, die sich auch gegen die einheimische Bevölkerung richteten. Die Gefahr dieser Entwicklung hat die Partei damals nicht rechtzeitig wahrgenommen.

Als es aus dem Ruder lief, geriet zuerst die masowische Gebietsverwaltung ins Kreuzfeuer der Kritik, obwohl es eigentlich unsere Militärführung  gewesen war, die die fatalen Entscheidungen getroffen hatte. Beinahe von einem Tag auf den nächsten tauschte man die polnischen Führungskader aus. Die neuen Männer waren für ihre Loyalität zur Partei bekannt, erwiesen sich aber als vollkommen inkompetent und mit den Verhältnissen vor Ort überhaupt nicht vertraut. Stück für Stück entglitt ihnen die in den folgenden Monaten die Kontrolle über die Region.

Man hörte auch Gerüchte, der Anschlag sei nur eine Provokation gewesen, vielleicht sogar eine Inszenierung der Unsrigen, aber das war nur sinnloses Geschwätz. Als zwei Jahre später der Bürgerkrieg ausbrach, war ich schon nicht mehr in Warschau, sondern als Reporter bei der Ernte eingesetzt. Auf dem Land spürte man den Ernst der Lage erst spät. Zum Glück begriff ich dennoch schnell genug, und beantragte meine Versetzung nach Belgien. Ein Anruf bei Generalmajor Titow beschleunigte die Bearbeitung. Ich erwischte eines der letzten Flugzeuge Richtung Westen.

Manchmal träume ich, dass ich sterben muss, durch eine Kugel oder eine Seuche, die Todesart ist immer eine andere. Aber kurz vor meinem Ende sehe ich Alicija, für einen flüchtigen Moment unmittelbar vor meinem Abgang wirft sie mir einen Blick zu, durch die Nebel der Zeit. Und dann wache ich auf und stehe in unserem Tunnel, aber sie ist nicht dort. Aber das ist natürlich nur ein idiotischer Traum.

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Der Elch

Ich dürfte etwa zwölf Jahre alt gewesen sein. An einem windigen Herbsttag unternahm ich einen meiner kleinen Ausbrüche aus der Tristesse des Elternhauses, entwendete das Moped meines Vaters und fuhr von Polessk nach Norden. Auf den Straßen gab es zu dieser Zeit schon so gut wie keinen Verkehr mehr. Ich passierte einen alten Wolga ohne Motor und Scheiben, vor den ein kräftiges Kaltblutpferd gespannt war. Mit stoischer Ruhe zog es das seltsame Gefährt. Ebenso stoisch schaute der bärtige Fahrer im blauen Arbeitsanzug heraus und musterte mich kühl, als ich an ihm vorbeifuhr.

In einer scharfen Linkskurve mahnte ein Denkmal an das Opfer der ersten Kundschafter, die hier während des Großen Vaterländischen Krieges mit Fallschirmen gelandet und von den Deutschen erschossen worden waren. Über kahle Äcker und einsame Wälder führte mich mein Weg nach Gromovo, dem äußersten Vorposten der Menschheit in der Wildnis der Oblast Kaliningrad.

Dieser lang gestreckte Ort wirkte äußert verwahrlost und menschenleer. Die meisten Fenster hatte man vernagelt, die Häuser zeigten sich in einem jämmerlichen Zustand des Verfalls. Nach etwa zwei Kilometern endete die Straße abrupt. Dort war der ehemalige Kirchturm zu einem Wasserturm umfunktioniert worden, die dazugehörige Kirche hatte man abgetragen und ihre Steine als Baumaterial verwendet. Aber beeindruckender für einen streunenden Jungen war das verschlossene Tor, das die Straße beendete. Dahinter befand sich, wie ich wusste, die Irrenanstalt. Ich hörte einen Schrei, einen lang gezogenen, schrillen Schrei, als ich das Tor passierte und spürte einen Schauer meinen Rücken hinunter laufen.

Nachdem ich die Anlage umfahren hatte und die Ortschaft verlassen, gelangte ich auf eine stille Birkenallee. Hier gab es niemanden, nur mich, das Moped und die kalte Luft, die vom Meer kam. Ungezügelt von menschlicher Hand wucherte die Vegetation mit langsamer aber steter Kraft auf die Straße. Der Asphalt war gebrochen von Wurzeln, in den Rissen richteten sich Pflanzen ein. Neben dem Weg stand das Wasser in gleicher Höher mit der Fahrbahn auf den brachliegenden Wiesen.

Die kleine Brücke war vor langer Zeit gesprengt worden, neben ihr lag eine Pontonbrücke, die ich überfuhr. Einige Weißstörche wateten durch die Pfützen, sie fanden damals in diesem endlosen Land alles, was sie zum Leben brauchten.

Ein LKW der Armee kam mir hinter der Brücke mit halsbrecherischer Geschwindigkeit entgegen. Ich musste ausweichen, wäre beinahe von der Straße abgekommen. Der Fahrer fuhr Schlangenlinien, auch die Soldaten auf der offenen Ladefläche schienen sturzbetrunken zu sein. Sie grölten unverständliche Lieder. Ich erschrak, als ich sah, dass einer von ihnen mit seinem Gewehr auf mich anlegte. Dann lachte er widerlich auf, und schon war das Gefährt verschwunden.

Zwischen einigen Bäumen stellte ich das Moped ab und lief ein paar Schritte auf die überflutete Niederung zu. Und dort sah ich den Elch. Er lag keuchend am Rande des Wassers. Was war mit ihm? Auf Zehenspitzen näherte ich mich dem riesigen Tier. Da erkannte ich, dass sich um ihn eine Blutlache gebildet hatte. An der Schulter klaffte ein Loch, aus dem die rote Flüssigkeit stoßweise austrat. Mit einem Blick zur Seite erkannte ich, dass der Schuss von der Straße gekommen sein musste. Es waren wohl die betrunkenen Soldaten gewesen, die den Elch aus bloßem Übermut über den Haufen geschossen hatten. Welch sinnlose Grausamkeit.

Ich hockte mich neben das majestätische Tier, aus dessen glänzenden Augen unendliche Verzweiflung zu blicken schien, während es weiterhin keuchte. Hilflos drückte ich mit der Hand auf die Wunde, versuchte, die Blutung zu stoppen, doch der warme Saft rann mir durch die Finger. Er hatte keine Chance, das wusste er, das wussten wir. Dennoch war da eine Kraft in ihm am Werke, die nicht loslassen konnte. Es war das erste Mal, dass ich diese Kraft sah. Das Leben selbst klammerte sich an den Körper dieses kummervollen Wesens.

Nun entdeckte ich auch den riesenhaften Ausschuss auf der anderen Seite. Beim Austritt aus dem Körper hatte die Kugel ein Loch größer als mein Kopf gerissen. Flehentlich blickte der Elch mich an. Doch was sollte ich tun?

Da sah ich einen großen und schweren Stein im Gras. Der Blick des sterbenden Tieres lag ruhig auf mir. Ahnte es meinen Gedanken? Stimmte es gar zu? Ohne weiteres Überlegen holte ich den Stein und schlug auf seinen Schädel so fest ich konnte. Doch der Elch schnaubte nur, und war noch nicht tot. Er wollte sterben, doch das Leben weigerte sich zu gehen. Da schlug ich ein zweites Mal auf seinen Schädel. Tränen schossen mir in die Augen.

„Stirb doch endlich!“, brüllte ich ihn an und schlug immer wieder zu, so lange, bis vom Schädel nur noch ein blutiger Klumpen übrig war.

Als ich erwachte, war es bereits kurz vor der Dämmerung, mein Kopf lag auf dem kalten Hals meines toten Freundes. Ich küsste ihn und strich über sein Fell, als ich ihm Lebewohl sagte, und wieder heimwärts fuhr.

Elch tot